Mein Name ist Alena Ehlers und ich bin seit 2019 Mitglied der Deutschen Sepsis Hilfe e.V.

Ich wurde 1999 in Niedersachsen geboren und wuchs dort auf. Ich hatte eine schöne Kindheit und mir fehlte an nichts.

Auch meine Jugend genoss ich in vollen Zügen. Ich hatte immer viel Spaß, bis sich im Alter von 17 Jahren mein Leben für immer verändern sollte.

Im September 2016 erkrankte ich plötzlich an einer bakteriellen Hirnhautentzündung (Meningokokken-Sepsis). Bis heute weiß ich nicht, wo und wann ich mich angesteckt habe. Zu dieser Zeit besuchte ich die zwölfte Klasse und stand kurz vor dem Abitur.

Am Nachmittag des 21.09.2016 zeigten sich die ersten Symptome. Ich hatte Kopfschmerzen und wollte mich ausruhen, indem ich mich ins Bett lag. Als ich jünger war, litt ich öfters an Migräne, deshalb dachte ich mir nichts weiter über meine körperliche Beschwerde und schlief schnell ein.

Am frühen Morgen des 22.09.2016, der Tag, der mein Leben für immer veränderte, wachte ich wieder auf. Beim Aufrichten spürte ich plötzlich unerträgliche Magenschmerzen. Langsam fragte ich mich, was bloß mit mir los sein musste. Ich wurde nervös und trank viel Wasser. Schließlich entschieden meine Eltern und ich, dass wir ins nächstdichteste Krankenhaus fahren sollten. Diese Entscheidung rettete im Nachhinein mein Leben.

Im Krankenhaus angekommen, gingen wir direkt in die Notaufnahme. Kein einziger Patient war an diesem Donnerstagmorgen hier, sodass ich nicht warten musste. Der erste Arzt erkannte den Ernst der Lage leider überhaupt nicht und verließ uns nach kurzer Zeit wieder. Erst als die Blutergebnisse ausgewertet waren, wurden die Ärzte auf einmal nervös und behandelten mich plötzlich von allen Seiten. Die Entzündungswerte waren lebensbedrohlich in die Höhe geschossen. Von jetzt auf gleich war ich todkrank. Allerdings war es für die Ärzte äußerst schwer den Auslöser, also die Meningokokken, zu diagnostizieren und somit konnten sie sich nicht erklären, warum es mir so schlecht ging.

Dafür war schnell klar, dass sich mein Körper in einem distributiven septischen Schock befand. Zudem erlitt ich ein Multiorganversagen. Meinen Nieren und Lungen arbeiteten nicht mehr und ich bekam nur schwer Luft. Es waren definitiv die dramatischsten Minuten in meinem Leben, an denen ich mich heute nicht mehr genau erinnern kann.

Schließlich entschieden die Ärzte, mich ins künstliche Koma zu legen. Außerdem musste ich dringend in ein größeres Krankenhaus gefahren werden. Ob ich die Fahrt im Rettungswagen überlebte, war unklar. Zu dem Zeitpunkt lag meine Überlebungschance bei unter 5%.

Für die nächsten 2 ½ Wochen lag ich im Koma und schwebte tagelang zwischen Leben und Tod. Viele Ärzte waren ratlos, überlegten in vielen Richtungen und gaben mich teilweise sogar auf.

Ich wurde in dieser Zeit zwei weitere Male verlegt. Beim zweiten Krankenhauswechsel wurde ich mit einem Hubschrauber in die Medizinische Hochschule Hannover geflogen. Dort konnten die Meningokokken dann tatsächlich nach 12 Tagen Ungewissheit diagnostiziert werden und die Therapie wurde sofort umgestellt. Die behandelnden Ärzte berichteten meinen Eltern von einem seltenen Stamm der Meningokokken-Bakterien. Zusätzlich entwickelte sich bei mir das lebensbedrohliche Waterhouse-Friedrichsen-Syndrom. Dies ist eine schwere Komplikation bei massiven bakteriellen Infektionen (wie Meningokokken) und begründete zudem den Ausbruch der Sepsis. Häufig bringt dieses Syndrom weitere fatale Folgen mit sich, wenn man es denn überlebt. Von diesen Folgen blieb auch ich nicht verschont…

Nach dieser genauen Diagnose und der speziellen Medikamentenumstellung wurden meine Vitalwerte tatsächlich besser. Die Ärzte konnten also mein Leben retten und entschieden sich, das Koma zu beenden.

Die darauffolgende Aufwachphase war genauso schrecklich wie die Zeit, in der ich schlief. Im Koma litt ich an schrecklichen Alpträumen, in denen ich mich gefangen fühlte. In der Aufwachphase kam es dann zu heftigen Halluzinationen und Entzugserscheinungen. Zudem fing ich mir einen multiresistenten Keim ein, der mein Leben erneut bedrohte. Mit einem Antibiotikum, extra aus dem Ausland eingeflogen und mit heftigen Nebenwirkungen, konnte der Keim nach langer Zeit dann aber abgetötet werden.

Nachdem diese schlimme Zeit überstanden war, überrollten mich allerdings weitere schreckliche Nachrichten. Beide Hände und Füße mussten ca. fünf Wochen nach dem Erwachen amputiert werden. Durch die Sepsis und vor allem durch die zahlreichen Thromben (entstanden durch Waterhouse – Friedrichsen – Syndrom) wurden meine Extremitäten nicht mehr ausreichend durchblutet. Sie waren tiefschwarz und leblos. Besonders betroffen war mein rechter Arm, der bis zur Schulter schwarz und offen war, zudem ähnelte meine rechte Hand einem Skelett mit Haut überzogen. Bis heute wurde ich neun Mal operiert. Mein rechter Arm konnte am Ende gerettet werden. Meine beidseitige Unterschenkelamputation dauerte damals über acht Stunden, drei Wochen vor dieser OP wurden mir bereits beide Hände amputiert. Die Zeit der Operationen machte mir sehr zu schaffen und in mir entwickelte sich eine innere Leere und Verzweiflung, doch Aufgeben war keine Option.

Die einzige positive Nachricht war, dass ich keine organischen Schäden davontrug, ich war allerdings längere Zeit dialysepflichtig. Die Nächte auf der Intensivstation, in denen ich dialysiert wurde, waren besonders schrecklich.

Im Februar 2017 ging es für mich in eine spezialisierte Rehaklinik nach Bayern. Dort schöpfte ich neue Kraft und konnte den Lebensmut und die Hoffnung zurückgewinnen.

Acht Wochen nach meinen Amputationen stand ich in meinen ersten Unterschenkelprothesen. Das Gefühl, endlich wieder zu stehen, war unbeschreiblich. Mein Ziel war es, meinen 18 Geburtstag laufend zu feiern und das schaffte ich tatsächlich.

Zwei Monate später konnte ich bereits sicher laufen, meine Kondition wurde immer besser und ich trainierte viel, da meine Ausdauer nach der Sepsis auf dem Nullpunkt war.

Bis August 2017, also elf Monate lang, lebte ich ein Leben zwischen der Reha in Bayern und dem Krankenhaus in Hannover, in dem ich immer wieder an meinen Armen operiert werden musste. Sie heilten wesentlich schlechter, als meine Beine. Mein linker Unterarm und fast mein kompletter rechter Arm waren mit Hauttransplantaten und endlosen Narben überseht. An Handprothesen war nicht zu denken, doch da war ich nicht traurig drum, ich trage sie bis heute nicht. In den vergangenen zwei Jahren habe ich mir nahezu alles ohne Prothesen angeeignet. So schminke ich mich zum Beispiel auch ohne Hände. Bevor ich über Handprothesen nachdenke, investiere ich die Zeit lieber in meinen Beinprothesen. Ohne diesen wunderbaren Hilfsmitteln könnte ich heute nicht leben. Mittlerweile habe ich sogar zusätzlich Bade- und Sportprothesen.

Nachdem im Sommer 2017 die letzte Reha abgeschlossen war, bin ich wieder in die zwölfte Klasse meiner alten Schule eingestiegen. Dort habe ich den Schulalltag selbstständig bewältigt und mein Abitur mit Hilfe einer angefertigten Schreibmanschette im Frühjahr 2018 absolviert.

Natürlich konnte und durfte ich nach den Amputationen auch erstmal nicht mehr Auto fahren, was mich sehr traurig machte. Bereits Anfang 2016, also vor meiner Erkrankung, habe ich den Führerschein bestanden und bin mit 17 Jahren in Begleitung meiner Eltern gefahren. Im November 2017 fand ich in Bremen eine spezielle Fahrschule, die bereit war mich bei meinem Ziel zu unterstützen.  Lediglich ein Automatikwagen und ein Aufsatz am Lenkrad, in dem ich meinen rechten Arm reinlege, machte das Fahren wieder möglich. Im Februar 2018 legte ich eine Fahrprobe ab und bin seitdem wieder am Steuer.

Seit Oktober 2018 studiere ich Soziale Arbeit in Bremen. Mit dem abgeschlossenen Studiengang möchte ich später Menschen in schweren Lebenssituationen unterstützen, da ich selbst weiß, wie es sich anfühlt, am Boden zu liegen, danach aber wieder aufzustehen.

Heute habe ich meine Freude am Leben zurückgewonnen und bin froh, meine Vergangenheit und vor allem die heimtückische Sepsis Stück für Stück hinter mich zu lassen, auch wenn ich lebenslange Folgen davontrage.