Septischer Schock nach Pneumonie und MRSA Keim

Mein Name ist Ulli. Ich bin 42 Jahre alt, und lebe gemeinsam mit meiner Frau und drei Kindern in NRW. Aktuell arbeite ich noch als Sozialarbeiter, inzwischen habe ich aber einen Antrag auf Teilverrentung gestellt.


Es ist kaum möglich meine Krankheitsgeschichte kurz zu beschreiben, ich will aber versuchen die wesentlichen Punkte herauszustellen. Im Juni 2011 bin ich nach einem Triathlon zusammengebrochen. Es stellte sich heraus, dass ich offensichtlich eine sogenannte kalte Lungenentzündung hatte.
Zu diesem Zeitpunkt war bereits bekannt, dass ich ebenfalls mit einem MRSA Keim infiziert war. Dieser wurde bei einer minimalen Haut OP festgestellt. Leider wurde ich damals nicht wirklich über die Bedeutung des Keims aufgeklärt.
Ein Warnzeichen hätte vielleicht auch die Rippenfellentzündung sein können, die ich ca. 4 Wochen zuvor hatte...

Auf jeden Fall ist die Kombination zwischen einer Lungenentzündung, einem MRSA Keim und einen Triathlon sehr ungünstig.

Nachdem ich mich mit Hilfe meiner Frau ins Krankenhaus begeben habe verlief alles sehr schnell, so dass ich mich bereits ab dem zweiten Tag an nichts mehr erinnern kann. Binnen einer Woche verlief mein Weg von einer Regelstation im Krankenhaus über die Intensivstation bis zu einer Verlegung in die Universitätsklinik in Göttingen. Dort wurde ich unverzüglich in ein künstliches Koma gelegt, welches ca. 4 Wochen andauern sollte. Ich hatte ich hatte einen septischen Schock. Fast alle Organe versagten ihren Dienst und ich bekam kaum Luft. Für ca.10 Tage bestand akute Lebensgefahr.
Von einer Sepsis hatte ich bis dato noch nie gehört und ich bin mir auch heute 7 Jahre später noch nicht wirklich im Klaren darüber, was dies im vollen Umfang bedeutet.

Im Anschluss an die Zeit in der Uniklinik war ich für die Dauer von fünf Monaten in einer Rehaklinik in Bad Wünnenberg. Hier wurde ich bettlägerig eingeliefert. Während des Komas hatte ich ca. 40 kg Muskelmasse verloren, so dass ich nicht mehr in der Lage war einen Löffel selbstständig zu Mund zu führen oder mich anderweitig selbst zu versorgen. Neben den Muskelverlust litt ich noch an einer starken Polyneuropathie (Nervenerkrankung). Die Zeit der Reha war anstrengend und für mich und meine Familie sehr belastend. Ich habe es aber geschafft mich in der Zeit so zu mobilisieren, dass ich angefangen mit einem Rollstuhl später mit einem Rollator und dann mit Gehhilfen wieder selbstständig bewegen konnte. Am 17. Dezember 2011 wurde ich dann aus der Klinik entlassen. Damals bin ich davon ausgegangen, dass ich das Schlimmste überstanden hätte, und dass ich wieder gesund bin.

Die nächste Zeit verlief auch alles sehr vielversprechend. Ende 2012 also gut ein Jahr später habe ich sogar schon wieder begonnen zu joggen und ich war fest davon überzeugt, dass es nur eine Frage des starken Willens ist, wann ich wieder vollständig hergestellt bin. Heute weiß ich, dass ich falsch lag.

Die Einzelheiten möchte ich Ihnen und Euch ersparen. Es stellte sich heraus, dass sich bei mir eine Autoimmunerkrankung des Nervensystems entwickelt hatte. Die Krankheit heißt CIDP. Sie beinhaltet, dass die Nerven chronisch entzündet sind, sich die Myelinschicht auflöst und somit die Nervenimpulse nicht mehr richtig übertragen werden.
Zudem scheint sich meine gesamten Knorpelmassen aufzulösen. Inzwischen habe ich in zwei künstliche Hüften, ein künstliches Knie und Anfang diesen Jahres wurden mir 10 Wirbel versteift, da sich meine Bandscheiben aufgelöst haben und mein Rücken schief und krumm zusammengewachsen war. Alle großen Gelenke meines Körpers sind stark von Arthrose betroffen und es ist nicht klar wie darauf reagiert werden soll. Die Ursache ist unklar.
Als wäre dies nicht genug beginnen nun auch meine Muskeln Probleme bereiten. Allerdings stehe ich hier erst ganz am Anfang und habe noch keine abschliesende Diagnose. Ich leide an einer Art dauerhaftem Muskelkater und bin schon nach minimalen Anstrengungen total erschöpft.

Manchmal wünsche ich mir, einen Doktor House zu treffen, der mich mal richtig auf den Kopf stellt, um mir zu sagen was mit mir los ist und was ich noch zu erwarten habe.
Am schwierigsten ist für mich jedoch der Umgang mit den sozialen Problemen. Die Belastung der Familie, weil z.B. Urlaube kaum möglich sind. In einem Jahr mussten wir z.B. drei geplante Urlaube absagen. Aber auch die Belastung durch die Familie. Zum einen gibt die Familie Rückhalt und Kraft, die ich dringend brauche. Zum Anderen ist das Leben mit einer Familie auch eine tägliche, kraftraubende Angelegenheit und zeigt mir täglich meine Defizite auf.
Dann ist da die Angst den Arbeitsplatz zu verlieren, weil ich andauernd krank bin.
Die Unmöglichkeit alte Hobbys zu behalten und damit der Verlust vieler sozialer kontakte.
Und dann ist da noch die Sorge, was noch kommen wird. Meine Frau, ohne die ich die letzten Jahre nicht überstanden hätte, hat mir mal gesagt, dass man dabei zuschauen könne wie ich verfalle. Das hört sich grausam an, umschreibt die Situation aber wohl am Besten. Wir sagen uns dann immer, dass es damals auch ganz anders hätte enden können und dass ich jetzt schon tot sein könnte.

Ich würde mir wünschen und wünsche es allen Betroffenen, dass sie schnell mit Menschen in Kontakt kommen, die Ahnung von den Folgen einer Sepsis/ eines septischen Schocks haben, die die körperlichen Probleme ernst nehmen. Schon im Krankenhaus hätte damals mehr erfolgen müssen als die Ansage: das wird noch ein langer Weg. Ich will da nicht falsch verstanden werden. Ich bin dankbar, dass ich überlebt habe. Die Ärzte haben gute Arbeit geleistet. Aber jemand wie ich, der keine Erfahrung mit ernsten Erkrankungen hat denkt schnell: ich bin krank, gehe ins Krankenhaus, vielleicht noch in die Reha und dann bin ich wieder gesund. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass nach dem Ende der Reha der Kampf erst anfängt und auch jetzt 7 Jahre danach noch lange nicht vorbei ist.

Ich habe damals eine Karte bekommen, die heute ein wenig mein Credo ist:
Wenn dich das Leben zu Boden schlägt, steh auf, heb den Mittelfinger und sag: du schlägst wie ein Mädchen!


In diesem Sinne wünsche ich allen Betroffenen und den Angehörigen viel Kraft auf ihrem Weg.

Viele Grüße
U. Möhl