Sepsis nach Darmperforation

Hallo liebe Leser,

es ist mir sehr schwer gefallen, diesen Bericht zu schreiben aufgrund meiner körperlichen Einschränkungen und meiner allgemeinen Verfassung. Trotzdem möchte ich mich gerne für Euch vorstellen.

Mein Name ist Dirk H., ich bin 46 Jahre alt und lebe mit meiner Ehefrau, mit der ich seit 23 Jahren glücklich verheiratet bin und meinem Sohn Manuel in Idar-Oberstein. Ich bin seit Sommer 2018 Mitglied der Sepsis-Hilfe und möchte mich auf diesem Wege auch direkt bei Herrn Marc Dubreuil, dem Regionalgruppen Vertreter des Bereiches West, bedanken. Marc und ich haben im Jahre 2012 gemeinsam im Rahmen einer Umschulung die gleiche Schule im kaufmännischen Bereich besucht. Marc hat mir damals von seinem schrecklichen Leidensweg und seiner Sepsis erzählt. Niemals hätte ich einen Gedanken daran verschwendet, dass es mich selbst einmal treffen könnte. Leider war es in diesem Jahr dann soweit und ich musste ähnliches am eigenen Leibe miterleben. Marc hat nach der ganzen Tortur sofort auf meinen Hilferuf reagiert, mich zuhause besucht, mir viele nützliche Tipps gegeben und mir auch bei der Anmeldung in der Sepsis-Hilfe geholfen.

Anfang Februar klagte ich über Unwohlsein und war der Meinung, mir einen Magen-Darm-Infekt eingefangen zu haben. Da sich mein Zustand nach drei Tagen immer noch nicht gebessert hatte, versuchten mich meine Frau, mein Sohn und meine Schwiegereltern, welche im Ausland leben aber bei uns zu Besuch waren, zum Besuch beim Hausarzt zu bewegen. Dickköpfig wie ich aber war, habe ich das natürlich abgelehnt und quälte mich weitere zwei Tage. Am Samstag, den 10. Februar wurde ich dann mit stärksten Schmerzen ins Krankenhaus Idar-Oberstein eingeliefert. Da die Schmerzen so stark waren, musste mich die Notärztin, um mich transportieren zu können, schon nach wenigen Metern Fahrt lahmlegen.

Im Krankenhaus angekommen wurde sofort alles in die Wege geleitet und nach dem CT festgestellt, dass mein Dickdarm geplatzt war. Ab diesem Moment habe ich keine Erinnerungen mehr und kann nur von den Erzählungen meiner Angehörigen berichten. Ich wurde sofort notoperiert und der Chirurg hat alles versucht, um mir einen künstlichen Darmausgang zu ersparen. Meine Bauchhöhle, die natürlich voller Kot und Eiter stand, wurde gereinigt und der Darm, nachdem der defekte Teil entfernt wurde, wieder zusammengenäht.
Einen Tag später wurde die Bauchhöhle erneut geöffnet und gespült und ich wurde dann von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt. Ich muss leider so verwirrt gewesen sein, dass meine Frau dem Pflegepersonal mitteilte, man könnte mich nicht alleine in einem Zimmer unterbringen, da ich nicht zurechnungsfähig wäre und eventuell etwas passieren könnte. Die diensthabende Schwester beruhigte meine Frau mit den Worten, ich wäre nicht der erste Patient der so verwirrt wäre. So wurde ich tatsächlich auf das letzte Zimmer der Station gelegt und war zudem noch alleine. Es kam wie es kommen musste, ich muss mir wohl sämtliche Zugänge und Katheter sowie Sonden rausgerissen haben und bin über das geschlossene Bettgitter getürmt. Man hatte mich dann in der Toilette des Krankenzimmers gefunden. Diese Aktion hatte zur Folge, dass meine Operationsnarbe aufriss und ich am nächsten Tag erneut operiert werden musste.
Was dann in den nächsten fast sieben Wochen geschah war leider nicht sehr schön. Aufgrund der Infektion meiner Bauchhöhle war eine Sepsis natürlich vorprogrammiert. Ich bekam starkes Fieber, welches man nicht mehr in den Griff bekam und es kam zum Versagen meiner Nieren. Wochenlang kämpften die Ärzte der Intensivstation um mein Leben. Eine wirkliche Überlebenschance hat mir zu diesem Zeitpunkt keiner mehr eingeräumt. Letztendlich habe ich es dann doch geschafft und wurde wieder wach. Ich war nicht mehr der Mensch der ich war und konnte mich auch nicht mehr bewegen

Meine Frau beschreibt die Zeit, die ich im künstlichen Koma verbrachte, als die schlimmste Zeit ihres Lebens. Um das ganze etwas abzukürzen, ich hatte insgesamt 24 Operationen, habe meinen Dickdarm komplett verloren und habe einen künstlichen Dünndarmausgang. Mein Platzbauch konnte auch nicht mehr verschlossen werden und ich hatte bei der Entlassung noch eine offene Bauchdecke mit der Größe 24 x 14 cm, welche alle zwei Tage vom Pflegedienst zu Hause versorgt wurde. Da an dieser Stelle jetzt keine Bauchdecke mehr vorhanden ist und nur eine dünne Haut darüber liegt bin ich natürlich körperlich total eingeschränkt. Ich muss ununterbrochen eine schrecklich unbequeme Bandage tragen, die zusätzlich die Atmung behindert. Durch meinen Luftröhrenschnitt habe ich zudem erhebliche Atemprobleme.
Dies alles wäre eigentlich schon genug, ist aber im Gegensatz zu den Sepsisfolgen zu ertragen. Ich leide sehr an Nervenschmerzen, die ich nur mit Methadon ertragen kann. Ich habe sehr starke Nervenschmerzen und kann meine rechte Hand leider nicht nutzen, da ich meine Finger nicht richtig bewegen kann und es zu Fehlstellungen der Finger gekommen ist. Außerdem habe ich unerträgliche Schmerzen in den Beinen und den Füßen und auch erhebliche kognitive Defizite.
Am allerschlimmsten sind allerdings die Erinnerungen, die leider nicht aus meinem Gedächtnis gelöscht wurden. Täglich holen mich die Albträume, die ich während meines künstlichen Komas hatte, ein. Leider kann ich mich da an jedes Detail erinnern. Es waren die schlimmsten Träume meines Lebens und ich werde sie niemals vergessen können. Mir wurde nach dem Leben getrachtet und es wurden medizinische Versuche an mir durchgeführt. All diese Erinnerungen lassen mich heute noch nicht schlafen. Das ist auch der Grund warum ich zurzeit eine Psychotherapie mache.

Nachdem ich bereits einige Wochen auf der Normalstation war, mussten mir meine Angehörigen mitteilen, dass während der Zeit meines künstlichen Komas mein Sohn im Alter von 26 Jahren plötzlich verstorben ist, ebenso wie meine Schwiegermutter, die bei uns zu Besuch war als ich in die Klinik kam. Meinen Vater, der an mir viel Aufbauarbeit geleistet hat, musste ich jetzt leider vor 2 Wochen auch beerdigen.
Alle Ärzte, die zurzeit an meiner Genesung arbeiten, tun natürlich ihr Bestes, sind aber mit dem Thema Sepsis alle überfordert. Vielleicht gelingt es mir über die Sepsis-Hilfe  entsprechende Hilfe zu holen. Sehr gerne würde ich auch berichten, dass ich mich freue am Leben zu sein, was aber weniger der Fall ist. Ich selber habe kein bisschen Lebensqualität mehr, bin aber bereit zu kämpfen und für meine Lieben weiterhin da zu sein. Ich werde nie mehr der Mensch sein, der ich vor der Erkrankung war, aber werde mein Bestes versuchen. Ich war immer ein sehr lustiger und lebensfroher Mensch, habe sehr viel gelacht und wahnsinnig gerne gearbeitet. Dies wurde mir durch die Sepsis alles genommen. Ich hoffe, ich habe jetzt niemanden erschreckt aber das ist mein Bericht zur Sepsis und meinem Erlebten. Insgeheim hoffe ich natürlich, dass alles noch eine positive Wendung findet und ich mich auch wieder am Leben erfreuen kann.

Dirk H. (November 2018)