Ein Jahr später lief ich dann den ersten Halbmarathonlauf

Alles fing Mitte Dezember (2012) an - ich bekam auf der Arbeit auf einmal Schüttelfrost und mir ging es schlagartig schlecht (wie bei einer starken Grippe). Meine Frau besorgte mir abends alles Mögliche aus der Apotheke, was man so gegen „eine Erkältung“ einnehmen kann. Leider hat davon nichts geholfen.
Nach drei Tagen ohne Besserung ging ich dann zum Arzt, wo man mir Blut abgenommen und die Lunge abgehört hat. Nach Meinung des Arztes handelte es sich um eine Grippe! Am nächsten Tag rief meine Frau beim Arzt an, um das Ergebnis der Blutuntersuchung zu erfahren. Man sagte ihr, dass der Leberwert etwas zu hoch sei, was aber nichts Schlimmes wäre. Dies sollte mal genauer untersucht werden, wozu es dort allerdings nie gekommen ist.
Heiligabend bekam ich wieder Schüttelfrost, woraufhin meine Frau den Notarzt gerufen hat. Der war der Meinung, dass ich doch lieber ins Krankenhaus gehen sollte, um genauer untersucht zu werden, denn Etwas stimmte offensichtlich nicht mit mir. Dort stellte man eine starke Lungenentzündung fest. Nachdem man mir einen Liter Wasser aus der Lunge punktiert hat, konnte ich wieder etwas besser Luft bekommen und wurde auf die Station gebracht, wo ich gleich mit Antibiotika versorgt wurde. Bei den weiteren Untersuchungen wurde dann festgestellt, dass ich Abszesse in Leber, Lunge und Kopf hatte. Jetzt nahm alles seinen Lauf, es wurden sämtliche Untersuchungen angeordnet um festzustellen, was für die Entzündung verantwortlich ist.
Ein paar Tage später ging es mir auch wieder etwas besser, doch eines Abends bekam ich wieder hohes Fieber. Man schaute fast stündlich nach mir, um festzustellen ob sich das Fieber gesengt hat, was leider nicht der Fall war. Es wurde wieder ein CT durchgeführt und der Chefarzt der Intensivstation sagte mir, dass er mich vorsorglich bei sich aufnehmen möchte. Ich kann mich nur noch daran erinnern wie man mir eine Maske aufsetze, um Atemübungen zu machen. Danach legte man mich wohl ins künstliche Koma.
In der Zeit des künstlichen Komas (ca.3 Wochen) hatte ich schrecklich Alpträume, man trachtete mir nach dem Leben, ich wurde im Krankenhaus entführt usw. Es war alles so real L - ganz, ganz schlimm. In den Wochen, als ich im Koma lag, musste meine Frau natürlich auch Schreckliches durchmachen. Die Überlebensrate bei einer Sepsis (ich hatte einen septischen Schock) sei 40:60. Meine Frau wurde durch das Personal der Intensivstation aber vorbildlich betreut und sie konnte jederzeit zu mir.
Als ich aus dem Koma erwachte, stand der Chefarzt an meinem Bett und fragte mich, ob ich mich an irgendwas erinnere. Ich habe in daraufhin angelogen (ich konnte mich an nichts erinnern), da ich immer noch Angst hatte, entführt zu werden. Man vermutet, dass ein entzündeter Zahn für die Sepsis verantwortlich gewesen war, genau konnte man es aber nicht mehr feststellen. Die Abszesse in Leber und Lunge hatten sich zurückgebildet, nur im Kopf war noch etwas vorhanden. Aus diesem Grund bekam ich noch weitere Wochen Antibiotika.
Ich blieb dann noch einige Tage auf der Intensivstation und kam danach wieder auf die normale Station, wo ich Ende Januar meinen Geburtstag feiern durfteJ. Jetzt begann ein neues, zweites Leben. Da ich nur noch 65 kg wog (1.78 groß) und kaum noch Muskeln hatte, musste ich mit einem Rollator das Laufen neu erlernen.

Aus dem Krankenhaus ging es direkt nach Wilhelmshaven in die Reha. Leider gibt es für Sepsispatienten keine speziell abgestimmte Reha, aber ich habe versucht, das Beste daraus zu machen und bin täglich in die „Muckibudde“, um Kraft und Muskeln aufzubauen.

Ich versuche heute gesund zu leben, lasse mich jedes Jahr gegen Grippe impfen, bin seit fast 6 Jahren Nichtraucher, gehe (fast) jeden Sonntag in die Kirche und habe das Laufen für mich entdeckt. Im September 2013 habe ich mit zwei Freunden erfolgreich einen Lauftreff gegründet und einen Monat später meinen ersten 10 km Lauf absolviert. Dabei habe ich zwei Pfleger der Intensivstation wiedergetroffen, mit denen ich heute befreundet bin. Ein Jahr später lief ich dann den ersten Halbmarathonlauf. Ich habe mich im Februar 2014 einer Selbsthilfegruppe (Intensivnachsorge und Sepsis) angeschlossen, wo ich über das Erlebte sprechen konnte, was mir persönlich sehr geholfen hat. Leider hat sich die Gruppe dieses Jahr aufgelöst.

Meine größte Angst ist heute, noch einmal an einer Sepsis zu erkranken und deshalb gehe ich bei jeder Kleinigkeit sofort zu Arzt.

Ich möchte mich auf diesem Wege noch einmal besonders bei Herrn Dr. Klaus Kogelmann (Chefarzt der Intensivstation Emden) und seinem Team sowie den Ärzten und Pflegekräften der Station bedanken. Hier wurde wirklich Hand in Hand gearbeitet und sehr schnell reagiert, was bei einer beginnenden Sepsis überlebenswichtig ist.

Auch meiner Familie und ganz besonders meiner Frau gilt mein Dank. Sie war die ganze Zeit an meiner Seite und hat einiges durchmachen müssen. Durch das Erlebte hat man sich noch einmal neu kennen und lieben gelernt.  

Wolfgang P. (November 2018)