Sepsis mit Nekrosen

Klaus Braun (44 Jahre*) aus Gummersbach

Mein schwerer septischer Schock…war vor allem ein Schock für meine Angehörigen und Freunde. Zwei Tage lang lag ich Zuhause mit den Symptomen ähnlich wie bei einer Lungenentzündung 5 Monate zuvor: Vor allem hohes Fieber und starke Gliederschmerzen. Anders waren nur Übelkeit im Magen sowie unerträgliche Schmerzen und eine Hautrötung im linken Oberschenkel, die uns davon überzeugten, den Krankenwagen zu rufen. Zum Glück, den Abend hätte ich Zuhause sonst nicht überlebt. In der Aufnahmestation des Kreiskrankenhauses Gummersbach verlor ich das Bewusstsein und erwachte erst wieder auf der Intensivstation. Hier wurde mir klar, dass es etwas Ernstes sein muss. Vier oder fünf vermummte Ärzte und Pfleger zerrten und zupften letztlich an mir rum. Jetzt stand für mich fest: In zwei oder drei Tagen bist du hier nicht wieder raus. Es wurden 11 Wochen!

Die Diagnose
Die Diagnose lautete „Schwerer septischer Schock mit multiplen Organversagen“. Die Schmerzen im linken Oberschenkel – von mehreren Ärzten eingehend untersucht – stellte sich als nekrotisierende Fasziitis (absterbendes Bindegewebe) heraus. Wodurch hervorgerufen? Bakterien namens Streptokokken Typ A sind in mein Blut geraten. Wie – dass weiß man nicht so wirklich. Streptokokken sind Scharlach. Ahhh, da hing doch ein Schild im Kindergarten meines Sohnes…Ich gebe diesen Schildern jetzt eine andere Bedeutung.

Im Koma
Die Zeit des künstlichen Komas fehlt mir komplett. Da kann ich nur aus Erzählungen berichten: Bei Aufnahme auf der Intensivstation hatte ich wohl nur noch einen Blutdruck um die 50 mmHg bei einer gleichzeitig stark erhöhten Herzfrequenz (teilweise über 140 Schläge). Außerdem war ich bereits sehr stark dehydriert und die Nieren arbeiteten nicht mehr und ich bekam Dialyse. Trotz Volumengabe und einer so genannten Noradrenalin-Therapie, um den Herz-Blutkreislauf wieder zu stabilisieren, verschlechterte sich mein Zustand sehr stark. Die Ärzte versetzten mich ins künstliche Koma, um mir noch mehr Stress zu ersparen. Weitere Organe versagten und meine Überlebenschancen beliefen sich auf 20 %. Insgesamt war ich knapp 3,5 Wochen im künstlichen Koma. In dieser Zeit wurde ich mehrere Mal am Bein operiert. Das abgestorbene Gewebe musste entfernt werden. Täglich kamen weitere Komplikationen dazu, wie bspw. eine plötzliche Entgleisung der Blutgerinnung, die zu starken inneren Blutungen führten. Ich bekam eine Unmenge an Bluttransfusionen. Die Ärzte sowie das Pflegepersonal haben intensiv um mein Leben kämpfen müssen und meine Familie musste den ganzen Stress der heftigen Ungewissheit aushalten, ob ich es schaffen werde.

Unterstützung durch die Familie
Meine Familie hat mich hervorragend betreut, den ganzen Tag über war jemand bei mir. Sie haben sich über 6 Wochen lang permanent auf der Intensivstation abgewechselt – von morgens bis abends - und jeder hat mir auf seine Art beigestanden: vorgelesen und gesungen, trotz Koma mit mir meditiert, mir Hände und Füße massiert, Meditationsmusik mit Vogelstimmen und Waldgeräuschen abgespielt oder einfach zu mir gesprochen, als ob ich sie hören könnte oder einfach nur bei mir gesessen. Bewusst erfahren habe ich das während des Komas leider nicht, aber ich glaube unterbewusst habe ich die Unterstützung meiner Familie gespürt. Das Pflegepersonal sagte mir später bei einem Besuch nach meinem Krankenhausaufenthalt, sie hätten selten so eine tolle intensive Betreuung durch die Familie erlebt.

Veränderungen des Körpers
Auch mein Äußeres muss sehr stark verändert gewesen sein: Erst habe ich durch die Volumentherapie nahezu 20 Kilo zugenommen, die Haut war bis zum Zerplatzen gespannt. Die Flüssigkeit aus der Volumentherapie war ins Gewebe ausgetreten. Später habe ich nicht nur die Flüssigkeit aus meinem Körper wieder ausgeschieden sondern dazu noch viel mehr Gewicht – alles Muskelmasse - verloren. Mein Körper magerte bis auf die Knochen ab.

Die Aufwachphase aus dem künstlichen Koma war geprägt durch schlimme Albträume und Halluzinationen. Dann wieder vermischten sich Traum und Realität miteinander. Das wurde mir erst aus Erzählungen meiner Angehörigen klar. Die Träume sind mir alle noch bewusst und Situationen aus dem Alltag rufen sie sofort wieder herbei. In meinen Träumen war ich nicht in der Lage, mich zu bewegen: Ich wurde verfolgt, geheime Mächte trachteten mir nach dem Leben. Man missbrauchte mich für seltsame Versuche, wollte mich in Kapseln ins Universum schicken. Meine Verwandten tauchten in meinen Träumen auf. Sie suchten nach mir und ich wollte sie vor dem Komplott der Geheimdienste warnen. Teilweise waren wir zusammen auf der Flucht.

Wieder bei Bewusstsein sah ich die großflächige Wunde am Oberschenkel zum ersten Mal – schrecklich – ich hatte große Angst um mein Bein. Mit Haut vom rechten Oberschenkel wurde die Wunde wieder verschlossen. Die mitgebrachten Bakterien (Streptokokken Gr. A, Legionellen) war ich relativ schnell wieder los, die aufgrund meines brachliegenden Immunsystems im Krankenhaus erworbenen Keime (ESBL, Pseudomonas Aeruginosa) aber erst nach 11 Wochen. Das war nur durch eine starke Antibiotika-Behandlung möglich, die leider auch ihre Nebenwirkungen hatte: Starke Magen-Darmschmerzen machten meiner Psyche sehr zu schaffen…wohl auch sehr zum Leidwesen des lieben Pflegepersonals.

Anschlussheilbehandlung und Folgen
Nach 11 Wochen Krankenhausaufenthalt folgten 6 Wochen Anschlussheilbehandlung -  mit einem tiefen offenen Restdefekt am Bein. Bis auf Sprechen musste ich fast alles neu erlernen. Ich wollte vor allem möglichst schnell gehen lernen und meine Selbständigkeit wieder erlangen. Heute nach knapp einem Jahr und einer zweiten 5-wöchigen Reha geht es mir sehr viel besser. Aber ich bin immer noch sehr schnell erschöpft, so bringen mich bereits 30 Minuten täglicher Waldspaziergang an meine Grenzen. Gelenke schmerzen; starke körperliche Arbeit ist nicht mehr möglich. Der Hör-, Geschmack und Geruchssinn haben einen dauerhaften Schaden erlitten, die Konzentrationsfähigkeit hat stark nachgelassen. Immerhin scheint sich die Wunde am Bein bald zu verschließen.

Das neue Leben als Geschenk
Ich bin wohl neugeboren worden und so musste ich wie jedes Neugeborene mir vieles erarbeiten, was früher selbstverständlich war. Aber das neue Leben ist auch ein Geschenk; ich bin auf einem neuen Weg und stelle mich den Herausforderungen, körperlich wie psychisch. Ich sorge mich um meine Frau und meine Kinder, weil ich immer noch nicht arbeiten kann. Jedoch sind diese Sorgen wahrscheinlich längst nicht so groß, wie die meiner Familie als sie um mein Leben fürchten mussten.

Danken möchte ich vor allem noch mal meinen Angehörigen und dem Ärzte- und Pflegeteam des Kreiskrankenhauses Gummersbach für Ihre kompetente Arbeit, Mühe und Geduld mit mir.

 

* zum Zeitpunkt der Erkrankung

Foto: privat