Meine Geschichte einer schweren Sepsis mit toxischem Schocksyndrom und Multiorganversagen

Eva Willms-Besler (34 Jahre*) aus Wegberg

Am 03.11.2011 gegen 11 Uhr vormittags ließ ich mich von einer Bekannten in die nahe gelegene Klinik mit starken Bauchschmerzen, Erbrechen und Durchfällen bringen. Ich arbeitete dort als hauswirtschaftliche Mitarbeiterin und nebenberuflich betrieb ich eine Hundeschule.

In der Klinik

Mein Allgemeinzustand verschlechterte sich zunehmend und die mir dort verabreichten Medikamente schienen keine Wirkung zu haben. Am Nachmittag brachte man mich mit dem Krankenwagen in ein anderes Krankenhaus zur Computertomographie. Ich erinnere mich noch an die starken Schmerzen. Da ich keine Erleichterung fand, weder im Liegen noch im Sitzen, musste ich somit in einem Zustand dazwischen verharren. Es wurde ein Notarzt für den Transport zurück in die erste Klinik angefordert und ab da ist meine Erinnerung nahezu vollständig erloschen.

Der Rettungswagen brachte mich sofort auf die Intensivstation, wo man unverzüglich den leitenden Arzt der Intensivstation verständigte. Mein Allgemeinzustand verschlechterte sich weiterhin, mein Körper "marmorierte" sich und verfärbte sich bläulich. Der Arzt berichtete mir später, dass dies ein sehr gespenstiger Zustand war. Man bereitete mich auf eine "Bauch-OP" vor, als kurz darauf meine Blutgerinnung aussetzte und ich aus allen Körperöffnungen blutete. Gegen 21 Uhr wurde ich notfallmäßig „schutzintubiert“, also in ein künstliches Koma versetzt.

Mittlerweile stellte sich das Bild einer ausgeprägten Sepsis dar und meine Nieren begannen zu versagen. Gegen 23 Uhr verlegte man mich in ein Universitätsklinikum. Eine schwere Sepsis mit toxischem Schocksyndrom und Multiorganversagen nahm ihren Verlauf.

Überlebenschance von 3 %

Im Universitätsklinikum bekam ich bei einer Überlebenschance von 3 % eine Dialyse, Antibiotika- und Katecholamintherapien und vieles andere. Im weiteren Verlauf bildeten sich im Bereich der marmorierten Haut deutliche flüssigkeitsgefüllte Blasen, wo man mit dem Prozedere mit speziellen Wundverbänden begann, die alle drei Tage gewechselt wurden. Wohl als Folge der hochdosierten Katecholamintherapie entstanden an meinen Zehen, Fingerkuppen und Beinen Nekrosen, also absterbende Bereiche.

Im weiteren Verlauf stabilisierte sich mein Zustand und es gelang nach 9 Tagen die Extubation. Ich erinnere mich nur sehr schlecht an die "Wachwerdphase" die längere Zeit anhielt. Die Ursache des septischen Schocks konnte nicht eindeutig geklärt werden, in Frage kam eine Gastroenteritis. Nach der Extubation ließen sich die Keime „Staphylococcus epidermidis“ in der Blutkultur nachweisen und es begann eine neue antibiotische Therapie. In dessen Folge konnte eine Pneumonie (Lungenentzündung) festgestellt werden. Die Schmerzen waren unbeschreiblich stark und dazu kam ein ständiges Gefühl der absoluten Hilflosigkeit, selbst ein eigenständiges Auf- oder Zudecken war mir nicht möglich. Zudem fiel mir die Nahrungsaufnahme sehr schwer. Ich musste alle zwei Tage für mindestens 4 bis 6 Stunden an die Dialyse, was ständige Übelkeit, Kreislaufstörungen, Erbrechen und plötzliches Losschütteln zur Folge hatte. Im weiteren Verlauf löste sich die Haut an meinen Extremitäten ab, was ebenfalls sehr schmerzhaft war und jeder Verbandswechsel war eine Qual.

Mobilisieren und Allein-Sein

Mit Hilfe der Physiotherapie wurde ich, soweit das möglich war, mobilisiert und es gelang im Dezember die Verlegung auf Normalstation. Ich weiß noch wie ich mir einbildete, ich könne mich nun mit weiteren Betroffenen austauschen. Ein Pfleger erklärte mir dann, dass es nur sehr wenige Überlebende einer so schweren Sepsis gäbe. Ein sehr seltsames, einfach unbeschreiblich schlimmes Gefühl!

Dann scheiterte leider ein „Dialyse-Auslassversuch“. Auf Normalstation wurde ich weiterhin täglich intensiv mobilisiert, was fürchterlich schwer war, denn beide Füße waren sehr dick verbunden und schmerzten ernorm. Meine schweren Hautentzündungen wurden von einer Stomatherapeutin im 2-Tage Rhythmus behandelt. Kurz vor Weihnachten scheiterte ein erneuter Dialyseauslassversuch. Heilig Abend durfte ich bei meiner Familie verbringen, musste aber am nächsten Tag zurück an die Dialyse. Kurz darauf entwickelte ich im weiteren Verlauf Fieber und Diarrhöe und drei verschiedene antibiotische Therapien wurden bei starken Nebenwirkungen eingeleitet, letztendlich stellte sich schließlich eine Enteropathie durch Clostridium difficile heraus.

Rehabilitation

Am 05.01. wurde ich in die Anschlussheilbehandlung in eine Reha-Klinik gebracht, das war ein Gefühl wie Weihnachten und Ostern zusammen. Dort hatte ich erstmalig wieder das Gefühl "selbstständig" sein zu können und schöpfte Hoffnung. Trotzdem musste ich alle zwei Tage in eine Dialysepraxis gebracht werden. Ich genoss die Zeit in der Reha-Klink sehr, ich lernte tolle Menschen mit weiteren schlimmen Schicksalen kennen und erholte mich zunächst recht gut. Leider musste ich notfallmäßig zurück nach verlegt werden, ich hatte erneute Fieberschübe und die Knochen in den Zehen traten durch das abgestorbene Gewebe hindurch und somit amputierte man mir drei Zehen, am linken Fuß zwei und am rechten einen. Anfänglich erholte ich mich von dieser OP recht gut und hoffte auf baldige Rückverlegung in die Reha, leider entwickelte sich eine erneute Sepsis durch den Katheter. Dieser wurde in einer Not-OP entfernt. Wieder Intensivstation, Antibiotika, Enteropathie. Ich erholte mich sehr gut und wurde die ganze Zeit im 2-Tage Rhythmus dialysiert. Danach entschied man sich aus gegebenem Anlass für einen erneuten „Dialyseauslass-Versuch“, der diesmal nicht scheiterte!

Nach Hause - wenigstens kurz

Am 07.02. entließ man mich in deutlich gebesserten Allgemeinzustand unter Aufsicht nach Hause um dort auf die nächste Anschlussheilbehandlung zu warten. Leider versagten erneut meine Nieren und ich wurde wieder notfallmäßig im Uniklinikum Aachen aufgenommen, dennoch entschieden die dortigen Nephrologen sich gegen eine weitere Dialyse, da man dafür eine Anlage schaffen müsse und somit das Risiko einer weitern Sepsis bestand. Eine kaliumarme Ernährung und die Planung einer Shuntanlage wurde besprochen. Daraufhin beriet ich mich zuhause mit meinem Nephrologen und konnte erneut in die Reha gebracht werden. Dort erholte ich mich bis zum 23.03.2012., nach fast fünf Monaten! Es ist der Tag an dem ich endlich wieder meine Hunde in den Arm nehmen konnte!

Es geht bergauf

Mein Nephrologe verzichtete bei rückläufigen Werten auf die Shuntanlage und seit dem 27.01.2012 bin ich dialysefrei und zum jetzigen Stand im August 2012 leisten meine Nieren wieder 25 % völlig selbstständig. Es folgen unzählige Physio/Ergo, Reha-Sport und Arzttermine. Zudem mache ich regelmäßig Sport und arbeite an meinem Gangbild. Meine Extremitäten sind stark vernarbt, was mir teilweise auch noch Schmerzen bereitet und demnächst werde ich Kompression in Form von Druckverbänden auf die Narben bekommen, täglich werde ich an "meine Sepsis" und ihre Folgen erinnert... Es ist nun ein Teil von mir.

Danke - mein (Über-) Leben als Geschenk

Ich durfte etwas Überleben, was man eigentlich kaum überleben kann. Daher betrachte ich dies als ein Geschenk und genieße mein Leben seither jeden Tag!

Mein Arbeitgeber, die St. Antonius Klinik in Wegberg, die durch ihr vorausschauendes Handeln mein Leben rettete, gab mir nun die Möglichkeit eine Lehre als medizinische Fachangestellte (MFA) zu absolvieren. Diese begann ich Anfang August 2012 und ich freue mich auf viele tolle Momente in denen ich mit anderen Menschen mein Schicksal teilen und ihnen mit meiner Geschichte vielleicht auch Hoffnung schenken kann!

 

* zum Zeitpunkt der Erkrankung

Foto: Privat