Karin Müller aus Kempten, Teil II

"Mein Papa und seine zweite Sepsis - nach einer Darmperforation"

6 Wochen nach der ersten Sepsis – wieder Krankenhaus

Mein Papa hatte sich gerade von der Urosepsis erholt gehabt, und war dann ca. 6 Wochen zuhause, als er dann am 20.10.2012 plötzlich einen starken Schüttelfrost und Fieber bekam. Wir sind dann sofort wieder ins Krankenhaus, und das war keine Minute zu früh, da die Bakterien schon wieder in der Niere waren… Sechs Tage danach wurde diese Schrumpfniere entfernt. Zwei Tage nach der OP begannen stärker werdende Bauchschmerzen. Ursache war „freie Luft“ im Bauch, die ihm Probleme machten und das Atmen erschwerten. Neben schlechten Nierenwerten stieg auch der Entzündungswert im Blut. Wir machten uns Sorgen, da diverse Versuche nichts brachten. Mein Vater hatte die ganze Zeit Untertemperatur.

Als ich am 03.11. meinen Papa besuchte, erschrak ich sehr. Denn er war kaum noch ansprechbar, röchelte sehr stark und bekam kaum noch Luft. Ich bin dann wie eine „legende Henne“ im Gang hin und her gelaufen, hatte Tränen in den Augen, war total verzweifelt, und mit den Nerven völlig am Ende. Denn ich wusste da stimmt was nicht. Aber nichts dagegen tun zu können und das obwohl man im Krankenhaus ist, das macht einen fertig…. Habe dann eine Schwester gefragt, ob ich endlich mal einen Arzt sprechen kann, weil es so nicht weiter gehen könne. Die Antwort war: „Beruhigen sie sich und kommen mal wieder runter. Wir tun alles, aber wir wissen nicht was ihm fehlt…“

„Freie Luft“ im Bauch

Als sich der Zustand meines Papas weiter verschlechterte wurde er dann endlich mal auf die Überwachungsstation verlegt. Ich bin dann mit einem sehr unguten Gefühl nach Hause. Als meine Mutti und ich meinem Papa noch einmal besuchen wollten, kam dann gleich eine Schwester auf uns zu und sagte, mein Papa wird gerade operiert wird. Die „freie Luft im Bauch“ ließ die Ärzte nun doch nachschauen, wahrscheinlich sei ein Loch im Darm, sagte sie noch. Ich dachte, mir wird der Boden unter den Füßen weggezogen, bei der Nachricht….

Als wir am nächsten Morgen auf der ITS angerufen hatten, erfuhren wir, dass sich der Verdacht bestätigte - ausgelöst durch eine Durchblutungsstörung des Darmes. Mit den Folgen Teilentnahme des Darms, schwere Sepsis und ein künstlicher Darmausgang. Durch die Untertemperatur und vergleichsweise geringe Schmerzempfindlichkeit war die rechtzeitige Diagnose schwierig.

Der nicht enden wollende Albtraum

Wir kamen uns vor wie in einem nicht endend wollenden Albtraum, und konnten es einfach nicht glauben. Denn nun lag mein Papa schon wieder so da, wie vor knapp 4 Monaten: Wieder im künstlichen Koma und künstlich beatmet, wieder überall Schläuche und Infusionen… Er hatte nun eine Peritonitis (Bauchfellentzündung), mit erneutem akuten Nierenversagen, wieder eine schwere Sepsis mit einem septischen Schock….

In den nächsten Tagen verbesserten sich die Entzündungswerte nicht wirklich. Am 14.11. wurde wieder freie Luft im Bauch gefunden, mit steigenden Entzündungswerten. Also erneute OP ohne Wissen was kommt – auch bezüglich der Chancen für meinen Papa. Diese Worte waren wieder wie ein Schlag ins Gesicht. An diesem Tag sind wir dann wie in Trance und vollkommen fertig nach Hause gefahren, wir waren mit den Nerven am Ende… Als wir dann am Abend auf der ITS angerufen haben, sagte uns ein Arzt, dass sie nichts Dramatisches gefunden haben, aber den künstlichen Ausgang verlegt haben. Als wir dann am nächsten Morgen wieder auf der ITS angerufen haben, sagte uns ein Arzt wörtlich „wir haben hier gerade alle Hände voll zu tun, es ist sehr kritisch, er zeigt alle Symptome einer Blutvergiftung“….

Als wir dann an diesem Tag meinen Papa besuchten, war es gruseliger als sonst, denn er war an so vielen Schläuchen angeschlossen, wie noch nie. Zu dem Beatmungsschlauch, dem Schlauch zur künstlichen Ernährung, dem Katheder, dem künstlichen Ausgang, den diversen Infusionen, kam jetzt noch die Vakuumpumpe dazu, die der Wundheilung dienen sollte Und dann dazu auch noch zwei Kästen (Thoraxdrainage) links und rechts, die das Wasser aus der Lunge absaugen sollen. Denn durch diese ganzen Infusionen, war mein Papa wieder mal richtig aufgeschwemmt. Er hatte dazu auch noch eine beidseitige Lungenembolie.

CIP und Versuche der Reha

Der Zustand meines Papas stabilisierte sich ganz langsam, es wurde dann von Tag zu Tag wieder besser. Aber die Entwöhnung von dem Beatmungsgerät war dann sehr schwer, da er in der Zeit auf der ITS, die so genannte CIP (Critical-Illnes-Polyneuropathie) entwickelte. Diese periphere Nervenerkrankung, kennzeichnet auch eine erschwerte Entwöhnung vom Beatmungsgerät.

Nach über drei Wochen Intensivstation (IST), davon zwei im künstlichen Koma, wurde er dann am 26.11.2012 von der ITS auf die Überwachungsstation verlegt.

Er sollte dann zwei Tage später in eine Früh-Reha kommen, da er auf der ITS ja die CIP entwickelte. Aber dazu kam es leider nicht, denn am Tag der geplanten Verlegung, stiegen wieder die Entzündungswerte und es wurde auch wieder freie Luft im Bauch gefunden. Also folgte dann die Bauch-OP Nr. 3. Auch hier wurde nichts Dramatisches gefunden, bei dieser Gelegenheit wurde meinem Papa aber gleich eine Ernährungssonde gelegt, die ihm helfen sollte, dass er schneller wieder gesund wird. Diese erneute OP überstand mein Papa dann erstaunlich gut.

Aber die darauf folgenden 2 Wochen waren ein Auf und ein Ab, meistens schlief er, und wenn er dann mal wach war, ging sein Blick ins Leere - er starrte praktisch durch uns hindurch. Als er einmal richtig wach war, sagte er zu uns wörtlich: „Ich glaube, ich bin gelähmt, ich kann mich nicht mehr bewegen…“ Mein Papa hatte schon die größten Schmerzen, nur seinen Fuß leicht zu heben, das kam von der CIP, genauso wie die starken Schluckstörungen, die er noch hatte. Auch hatte er wieder dieses Durchgangssyndrom entwickelt und es plagten ihn auch wieder schlimme Albträume… Von den Pflegenden wurde mein Vater schon aufgegeben, weil er sich einfach nicht bewegen wollte. Eine Schwester sagte zu uns: „Ich glaube er hat aufgegeben, er hat sich heute Morgen, als wir ihn waschen wollten, hart wie ein Brett gemacht. Er will nicht mehr und wenn, dann wird er für immer ein Pflegefall bleiben“. Dies waren harte Worte, die uns sehr trafen, aber wir haben es ja selber gesehen, wie mein Papa da lag. Aber wir wussten, dass mein Papa so schnell nicht aufgeben würde…

Wir sagten zu einem Arzt: „Papa ist ein Kämpfer ist und erholte sich nach der letzten Sepsis so weit, dass er schon wieder 150 Treppen gelaufen ist.“ Die Antwort war: „Ja das mag schon sein, nur dieses Mal war es noch eine Ecke härter!“ Und dann gab es ja auch noch das Stoma künstlicher Darmausgang), was immer wieder auslief. Mein Papa sei wohl zu dünn geworden. Vor der ersten Sepsis wog er 71 kg, danach 57 kg. Er hat sich dann hoch gekämpft auf 59 kg und ist nun wieder bei 53 kg.

Am 18.12.2012 wurde mein Papa dann schließlich auf eine geriatrische Reha verlegt. Durch erneute Komplikationen (verschlechterte Nieren- und Entzündungswerte, durch Wundheilungsstörung teilweise offene Bauchwunde, hohe Kaliumwerte). Er wurde sechs Tage später wieder in das Krankenhaus zurückverlegt – die Reha war zu früh. Durch den Blasenkatheder entwickelte sich ein Harnwegsinfekt, wieder Antibiotikum. Doch er vertrug es nicht: Er zuckte überall, konnte auch nicht sitzen. Nach Absetzen ging es ihm besser, der Katheder konnte auch entfernt werden.

Mein Papa wurde dann am 03.01.2013 erneut in die geriatrische Reha verlegt, wo er auch lernte, mit Krücken laufen – ein toller Erfolg! Er erholte sich richtig gut, die Schluckstörungen waren verschwunden und die CIP verbesserte sich.

Endlich wieder zu Hause

Seit dem 25.01.2013 ist mein Papa nun endlich wieder zuhause und es geht ihm soweit ganz gut. Er läuft mit seinen Krücken auch schon 120 Treppen rauf und runter. Wir können es eigentlich kaum glauben, wie gut sich mein Papa (der Kämpfer) von dem ganzen Drama erholt hat, einfach klasse! Die CIP ist fast vollständig wieder verschwunden, lediglich in den Fingerspitzen hat er dadurch noch Schmerzen. Die Albträume fast weg. Sein Appetit hält sich allerdings in Grenzen, deswegen bekommt er immer noch jeden Abend die künstliche Spezialnahrung, da er einfach nicht zunehmen will - sein Gewicht verharrt auf 53 kg, was 18 kg weniger sind als vor der Erkrankung. Wegen dem Stoma braucht er eine spezielle Ernährung, damit es zu keinen Komplikationen kommt.

Mein Papa weiß von dieser ganzen Geschichte nichts mehr. Zum Glück vielleicht. Er kann sich an die Zeit im künstlichen Koma überhaupt nicht mehr erinnern. An die Zeit danach fehlt ihm die Erinnerung. Sie setzt erst bei der Überwachungsstation ein, aber eher lückenhaft….

Nun hoffen wir, dass bei der nächsten Blutuntersuchung auch alles in Ordnung ist und sich mein Papa nun endlich richtig gut erholen kann - ohne irgendwelche Zwischenfälle. Denn ihm steht ja noch die Rückverlegung des Stomas bevor. Doch das frühestens ab März und wenn er kräftig genug ist.

Wir finden, dass es ein schönes Ziel ist und freuen uns über jeden Tag, den wir mit ihm verbringen dürfen!

Tochter K. Müller, Foto privat