Ich habe überlebt und weiß wozu!

Renate Heiland (62 Jahre*) aus Frankfurt/Main

Vor etwa einem dreiviertel Jahr wachte ich aus dem künstlichen Koma auf mit der Diagnose: Komplette Bauchfellentzündung mit schwerer Sepsis und Multiorganversagen. Alle beglückwünschten mich, dass ich das überlebt habe. Aber mir war nicht nach Freude. Ich war schwer krank, konnte nichts mehr, hatte einen sehr kaputten Bauch und ein Stoma. Und ich hatte meine Albträume. Ich befand mich irgendwie im Dunkeln und versuchte zu überleben, indem ich in ganz kleinen Schritten wieder essen, trinken, laufen etc. lernte.

Wieder zu Hause, nach 5 Monaten, war nichts mehr wie es war. Ich konnte wieder laufen ohne Hilfsmittel, das war mein Ziel, alles andere sollte sich zeigen. Zu meiner Erkrankung hatte ich noch gar kein Verhältnis, viel mehr war ich beschäftigt mit den vielen kleinen und großen Dingen, die es nun zu bewältigen gab. Und ich war beschäftigt mit dem Trauma meiner gewaltigen Albträume während des Komas. Ich ordnete langsam das neue Leben und stellte mich darauf ein. Vieles konnte ich nun nicht mehr tun, es war mühsam geworden. Ich suchte nach Menschen, einem Ort wo ich mich austauschen konnte, aber ich fand nicht das Richtige, nichts wo ich über das reden konnte, was mir passiert ist. Ich konnte alles auch nicht richtig zuordnen, was war eigentlich geschehen?

Dann tauchte irgendwann die Frage in mir auf... Ich habe überlebt, aber wozu?? Es muss doch einen Sinn haben!

Nach einem Arztbesuch fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Worte „Multiorganversagen“ und „Sepsis“ waren mir zum ersten Mal so richtig bewusst geworden und mir wurde ganz übel. Sofort machte ich mich auf die Suche danach im Internet. Danach hatte ich bisher nicht geguckt, ich hatte es irgendwie verdrängt, vielleicht weil der Schrecken über diese verheerende Diagnose für mich noch zu groß war. Bei der Suche stieß ich sehr schnell auf die Seite der Deutschen Sepsis-Hilfe e.V.. Nachdem ich erst einmal alles gelesen hatte, war mir klar: Das ist der richtige Ort für mich. Hier geht es um meine Erkrankung mit allen ihren Folgen. Ich war nicht mehr alleine damit und meine Ängste hatten einen Namen.

Dann ging alles schnell, eins fügte sich ins Andere, als wenn mein Weg vorgezeichnet war. Ich meldete mich auf der Internetseite an und nachdem ich ein paar Tage nichts gehört hatte, schrieb ich Frau Ariane Viller (Geschäftsstelle) an, um zu fragen, warum die Anmeldung nicht klappt. Sie erklärte mir, dass die Seite gerade neu gemacht wird und lud mich bei der Gelegenheit gleich zu der anstehenden Mitgliederversammlung in Bad Windsheim ein. Ich hab mich gefreut wie ein kleines Kind und wollte da natürlich auch hin. Da ich noch nicht wieder sehr belastbar bin, bat ich um Telefonnummern zwecks Mitfahrgelegenheit und es hat auch sofort geklappt. Ich fand sehr liebe Menschen, die mich mitgenommen haben. Es sind auch Vereinsmitglieder. Ich kaufte mir noch einen kleinen leichten Trolly, weil ich ja nun nicht mehr schwer tragen kann und dann war mein erster Ausflug in meinem neuen Leben perfekt. Es war die erste größere Belastungsprobe, die ich gut überstanden habe. Alles hat funktioniert und ich hatte das Gefühl, dass das die Antwort auf meine Frage war, „Ich habe überlebt, aber wozu?“. Ich hatte das Gefühl, ich mache so etwas zum ersten Mal in meinem Leben, was natürlich nicht stimmt. Aber irgendwie war alles so neu für mich.

Ich wurde herzlich empfangen in einer aufgelockerten Atmosphäre bei Kaffee und Kuchen. Das hat mir das Ankommen leicht gemacht. Es war der richtige Ort für mich. Die Gespräche helfen einfach, sich nicht so alleine zu fühlen mit dem Erlebten. Ich war so froh, mich austauschen zu können über alles, was mir auf dem Herzen lag und ich bekam auch kompetente Antworten auf Fragen, die ich hatte und auch noch habe. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich denke, dass die Deutsche Sepsis-Hilfe e.V. für mich ein Platz sein kann, an dem ich mich nach meinem besten Wissen und Gewissen einbringen kann. So wie ich Vieles über die Sepsis nicht wusste, geht es anderen Menschen auch und da möchte ich gerne dazu beitragen, das Wissen weiter zu verbreiten. Mir gibt es Kraft hier zu sein, etwas festeren Boden und dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Ich kann jetzt manchmal spüren, wie schön es ist, überlebt zu haben und welches Glück ich hatte, auch mit meinem Arzt und dem Pflegeteam.

* zum Zeitpunkt der Erkrankung

Heute, ein Jahr nach der Sepsis
Auf der Intensivstation