Pneumokokken-Sepsis nach entfernter Milz (Splenektomie)

Volker Hägele (33 Jahre*) aus Leinzell

Der Beginn

Meine Krankheit begann am 20. Mai. Nachdem es mir den ganzen Tag über sehr gut ging, ich am morgen noch Tennis spielte und nachmittags eine kleine Wanderung machte, bekam ich abends plötzlich Fieber und Schüttelfrost. Es war der erste heiße Tag des Jahres und so vermuteten wir einen leichten Sonnenstich. In der Nacht stieg das Fieber sehr stark an, auf mehr als 40 Grad, und ich litt unter starken Fieberfantasien. Am nächsten Morgen fiel das Fieber etwas, aber mein Allgemeinzustand wurde immer schlechter. An den Armen und im Gesicht hatte ich dunkle, bläuliche Flecken, die sich später als Hauteinblutungen herausstellten. Mit dem Notarzt wurde ich ins nächste Kreiskrankenhaus nach Mutlangen gebracht – direkt auf die Intensivstation. Vor wenigen Monaten war dort eine Patientin ebenfalls ohne Milz an einer Pneumokokken-Sepsis verstorben. Die Ärzte vermuteten bei mir dieselbe Erkrankung und verlegten mich schnellstmöglich an eine Universitätsklinik. Für den Transport mit dem Krankenwagen war mein Zustand schon viel zu schlecht, so dass ein Hubschraubertransport organisiert werden musste. Um mich transportfähig zu machen, beschloss der Notarzt, mich maschinell zu beatmen und ins künstliche Koma zu versetzen.

Im Klinikum

Als ich in im Klinikum ankam, hatten nach der Leber und der Lunge auch die Nieren versagt - es musste mit Dialyse begonnen werden. Mein Zustand war nach wie vor lebensbedrohlich. Erstes Ziel der Ärzte war es, mich über die nächsten 72 Stunden zu retten. Am nächsten Tag kam das bestätigende Laborergebnis: Pneumokokken hatten mein Blut „vergiftet“. Wie mir später erklärt wurde, war der Grund, dass mir nach einem Autounfall im siebten Lebensjahr die Milz entfernt wurde. Die Milz gehört zum Abwehrsystem. Ohne sie können verschiedene Bakterien wie beispielsweise Pneumokokken schwerste Erkrankungen hervorrufen.

Während des fünfwöchigen Komas verlor ich zirka 15 kg an Gewicht und eine Komplikation jagte die nächste. Zum Multiorganversagen kam hinzu, dass mein Hirndruck anstieg und ich zur OP in ein Spezialkrankenhaus gebracht wurde – alles ohne Bewusstsein. Meine Frau jedoch war mit unserem zwei Wochen alten Sohn jeden Tag bei mir und musste alles miterleben. Da sie selbst Krankenschwester ist, konnte sie alles sehr gut einschätzen und wusste daher nie, ob ich überleben würde und wenn, mit welchen Folgen. Außergewöhnlich war dass meine Hände und Finger aufgrund mangelnder Durchblutung stark litten, andere Extremitäten wie die Füße hingegen nicht. Es bildeten sich starke Blasen und die Endglieder der Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand starben ab, so dass sie später amputiert werden mussten. Nach fast fünf Wochen hatten sich meine Organfunktionen wieder stabilisiert und ich sollte langsam wieder auf wachen.

Das Erwachen

Der erste Tag, an den ich mich bewusst wieder erinnern kann, war der 22. Juni, einen Tag nach unserem ersten Hochzeitstag. An die Zeit im Koma habe ich nahezu keine Erinnerungen. Manche Träume, vermutlich aus der Aufwachphase, sind mir aber noch heute bewusst. Als ich aufwachte, sah ich als aller erstes in das wunderschöne strahlende Gesicht meiner Frau, die mir versuchte zu erklären, was geschehen war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Wörter Pneumokokken und Sepsis nie gehört. Meinen inzwischen sieben Wochen alten Sohn Felix hätte ich nicht mehr erkannt.

Das erste Körpergefühl

Ich war völlig bewegungslos und hatte starke Schmerzen am ganzen Körper, da durch die schwere Sepsis der ganze Organismus stark gelitten hatte und meine Muskulatur völlig abgebaut war. Anfangs konnte ich nur unter größter Anstrengung und nur ganz leise sprechen. Nach ein paar Tagen wurde ich das erste Mal an der Bettkante aufgesetzt.

Nie hätte ich mir vorgestellt, dass Sitzen so furchtbar sein kann! Eine weitere Erinnerung an die erste Zeit in der Intensivstation war, dass ich zeitweise meine Frau und das Pflegepersonal schlecht behandelte. Ich war sehr launisch, ungeduldig, fordernd und ungerecht. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle nochmals entschuldigen. Aber man ist in solch einem Zustand ein ganz anderer Mensch. Sicher kam das von den Schmerzen, der starken psychischen und körperlichen Belastung. Der Körper stand schließlich fünf Wochen unter Vollstress, und ich hatte einen Puls von 130 und mehr. Wahrscheinlich hing es auch mit den Medikamenten wie z. B. Morphium zusammen.

Wieder Essen und Gehen lernen

Ein sehr schönes Erlebnis war es, als ich meine erste feste Nahrung bekam, zunächst ein Joghurt und später einen Apfel. Ich glaube mir haben noch nie in meinem Leben ein Joghurt und ein Apfel so gut geschmeckt wie diese. Das Training mit dem Logopäden gefiel mir ziemlich gut – ich musste zunächst ja wieder richtig sprechen lernen. Schon während der letzten Tage im Klinikum machte es mir große Probleme, dass ich am ganzen Körper sehr stark zitterte und weder eine Zeitung lesen, noch selbst essen konnte. Am 13. Juli kam ich zur neurologischen Früh-Reha ins Therapiezentrum Burgau. Dort wurde vermutet, dass das starke Zittern auf eine Schädigung der Nerven zurückzuführen ist.

Man nannte dies „Critical-Illness Polyneuropathie“. In Burgau musste ich sämtliche alltäglichen Abläufe wie essen, trinken, waschen, Zähne putzen, anziehen und natürlich gehen erlernen. Obwohl ich erhebliche Fortschritte machte, konnte ich immer noch keine Sprudelflasche öffnen. Ich brauchte beide Hände, um meine elektrische Zahnbürste anzuschalten – und das nach zirka acht Wochen! Ein sehr sympathischer Pfleger in Ulm hatte mir bei unserem Abschied gesagt, ich solle mich in Burgau besonders anstrengen und wenn möglich immer etwas mehr tun als gefordert wird. Er wusste dass ich kämpfen konnte, schließlich hatte er ja alles miterlebt.

Aber anfangs war es in der Reha gar nicht einfach, diesen Ratschlag umzusetzen, da alles so schwer fiel und ich immer wieder durch Schmerzen und Muskelkater am ganzen Körper auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Der Wille wieder gesund zu werden hat sehr geholfen. Doch als ich dann am 23. August zur Anschlussheilbehandlung durfte, kam mir mein großer Ehrgeiz zu gute. Nahezu an jedem Wochentag war ich im Fitnessraum und am Wochenende erholte ich mich dann wieder bei einem von meiner lieben Schwiegermutter gekochten Menü: Schnitzel, Sauerbraten, Rostbraten, jeweils natürlich mit Spätzle.

Rückblick

Während meiner Zeit auf der Intensivstation bekam ich Medikamente, die mir vermutlich gemeinsam mit meiner damaligen körperlichen Fitness, dem Lebenswillen und der inneren Kampfeskraft das Leben retteten. Selbstverständlich wäre alles nicht so gut ausgegangen, wenn ich nicht an derart kompetentes medizinisches Personal geraten wäre.

Was mich allerdings immer wieder nachdenklich stimmte war, dass mit drei Impfungen – nämlich gegen Pneumokokken, Meningokokken und Hämophilus-Influenza – vermutlich alles hätte verhindert werden können. Leider ist diese Information noch nicht bei allen Ärzten bekannt. Es wäre wünschenswert, deren Aufklärung zu verbessern.

Mein ganz besonderer Dank und Respekt gilt zuletzt meiner Frau Annette und meinem kleinen Felix, die Unglaubliches erleben mussten und Unvorstellbares geleistet haben. Ich danke aber auch allen Anderen von ganzem Herzen, denen nichts zuviel war und für die es zu dieser Zeit nichts Wichtigeres gab als uns zu unterstützen!

 

* zum Zeitpunkt der Erkrankung

Volker Hägele heute
Zur Reha
Auf Intensivtstation
Mit Sohn Felix