Als Angehörige auf der Intensivstation

Birgit Szymanski aus Bremen

Sieben Jahre ist es jetzt her, aber den unheilvollen Blick und Worte der Krankenschwester werde ich nie vergessen: „Ihre Mutter ist auf die Intensivstation verlegt worden“. Wie benommen folgte ich der Wegbeschreibung, die ich auf der chirurgischen Station bekommen hatte, und fand mich schließlich vor einer großen kalten Metalltür wieder, links ein Telefon mit einem Hinweisschild, dass ich mich anmelden müsse. Was war denn jetzt los? Meine Hände zitterten beim Telefonieren, wie auch meine Stimme.

Als ich die Station betreten durfte, fiel mir die unheimliche Ruhe auf und der Dienst habende Arzt griff mich gleich ab. Er gab sich alle Mühe, mir zu berichten, dass bei meiner Mutter eine Sepsis festgestellt worden sei und berichtete, wie man medizinisch vorgehen wolle. Ich hörte aufmerksam zu, doch die Informationen drangen in ihrer Tragweite nicht zu mir durch. Sie habe eine 50 % Überlebenschance und man habe sie in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt. Künstlicher Tiefschlaf? Ich fragte nach, ob das nicht ein künstliches Koma sei und der Arzt nickte. Man würde heutzutage halt lieber den Begriff „künstlichen Tiefschlaf“ benutzen. Ich weiß noch, dass ich dachte, man wollte mich veräppeln, ein Koma ist schließlich ein Koma, warum diese schön klingende Umschreibung? Und noch weniger verstand ich, wieso sie denn nur eine 50 % Überlebenschance haben sollte, wenn in ihrem Zimmer doch links und rechts unzählige Medikamente aufgereiht waren und durch zahllose Kanüle in ihren Körper flossen. Gut, ihr Körper war aufgeschwemmt, aber sie lag doch mit einem friedlichen Gesichtsausdruck da und das Beatmungsgerät half ihr mit der Atmung. Wo war denn die Gefahr an dieser Sepsis?

Erst nach etwa 3 Wochen begann ich zu erahnen, dass Sepsis-Behandlung viel komplexer ist, als extreme Medikamentengabe mit zusätzlichem Piepsen vom Beatmungsgerät. Mit einem Mal stand das Dialyse-Gerät mit am Bett, die Zahl der Arztbesuche im Krankenzimmer wurde mehr, zum grünen Kittel kamen noch der Mundschutz und die Haube über die Haare. Angst baute sich endgültig bei der ersten Lungenentzündung auf und als wir entscheiden mussten, ob das Bein amputiert werden sollte oder nicht. Ich habe noch heute die Worte des Chirurgen im Ohr „Life or limp, Leben oder Gliedmaß?“ und sehe den Blick meiner Mutter - die kurzzeitig aus dem Koma geholt worden war-, als wir ihr nach der OP erklären mussten, dass das Bein amputiert werden wurde.

Die 13 Wochen, die unsere Mutter auf der Intensivstation verbrachte, waren für uns alle surreal. Die Tageszeit nahmen wir nur nebenbei durch das Licht vom Fenster wahr, unser Leben hatte teilweise den normalen Rhythmus komplett verloren. Die Psychologin im Krankenhaus bot uns Unterstützung an, trotzdem fühlten wir uns machtlos und ohnmächtig.

Noch heute betrete ich ungern ein Krankenhaus. Beklemmungen kommen in mir hoch und wenn ich an einer Intensivstation vorbeigehen muss, läuft der „Sepsis-Film“ im Schnelldurchlauf vor meinen Augen. In diesem Jahr musste ich selbst operiert werden und habe die Situation nur bewältigen können, da es ein anderes Krankenhaus war und der operierende Chirurg von der traumatischen Sepsis in unserer Familie wusste. Am Abend vor der Operation saß ich jedoch in meinem Krankenhausbett und weinte hemmungslos. Ich teilte jedem - der es hören oder nicht hören wollte - mit, dass ich nicht an Sepsis sterben wolle. Mit der Operation und dem guten postoperativen Verlauf lernte ich aber dann ganz langsam, dass Menschen auch gesund Krankenhäuser verlassen können und grüne Kittel nicht automatisch Gefahr bedeuten.

Tochter, B. Szymanski